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Veränderung : Wie Gewohnheit unsere Entscheidungen beeinflusst oder Mut tut gut

Fotos auf der Seite Copyright Kathrin Rehbein,  Ja / nein by freestockgallery

 Vor einigen Wochen saß ich mit meinem Bekannten Tim beim Lunch. Tim, ein erfahrener Teamleiter um die 40, erzählte mir von der derzeit schwierigen Situation in seinem Unternehmen. Er weiß, dass sein Job demnächst aufgrund von Umstrukturierungen wegfällt und er wird wahrscheinlich keine neue Führungsaufgabe erhalten. Darüber hinaus sollen im Unternehmen mehrere hundert Mitarbeiter abgebaut werden. 

Tim hat bisher ausschließlich bei seinem jetzigen Unternehmen gearbeitet, für ihn ist es aufgrund seines Alters und seiner Qualifikation aber durchaus realistisch, innerhalb der Branche zu wechseln.

Er berichtete mir, dass er sich bei einem kleinen regionalen Unternehmen beworben und dort überzeugt hat: er hat ein Angebot für eine Abteilungsleiter-Stelle bei vergleichbarem Gehalt erhalten. Der neue Arbeitsplatz wäre an seinem Wohnort in Schleswig-Holstein, aktuell pendelt er täglich 50 km pro Strecke. 

„Super“ dachte ich und freute mich für ihn. 

Dann erzählte er mir, dass er den Job nicht angenommen hat. 

Ich war ziemlich überrascht und fragte ihn nach seinen Gründen.

„Ja weißt Du“ sagte er, „ich habe versucht, noch eine Abfindung zu erhalten. Die steht mir doch zu. Die wollten mir jedoch keine geben, da ich direkt in ein neues Arbeitsverhältnis wechsele. Ohne Abfindung traue ich mir einen Wechsel aber nicht zu.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte ich. „Du weißt bereits heute, dass Du Deine Führungsaufgabe verlierst. Führung macht Dir Spaß und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Du zeitnah keine neue Führungsaufgabe im jetzigen Unternehmen bekommst. Du hattest ein Angebot, das Dir eine tolle Position ohne Gehaltseinbuße beschert hätte. Du müsstest nicht mehr pendeln. Warum hast Du diese Chance nicht genutzt?“

"In diesem Laden hier weiß ich was ich habe, man kennt mich, weiß was ich kann und wie ich bin. Ich muss keine neuen Netzwerke aufbauen, keine neuen Prozesse und Abläufe lernen. Und in dem neuen Unternehmen hätte ich kein eigenes Büro gehabt, sondern mit meinen Mitarbeitern im Open Space gesessen“. 

Ich verstand es immer noch nicht „Was wäre bei einem Wechsel Dein Risiko gewesen?“

„Naja, es kann ja sein, dass ich die Probezeit nicht bestehe“ sagte er. „Oder mit den dortigen Gegebenheiten nicht klarkomme. Dann hätte ich die Abfindung als Sicherheit gehabt.“

„Wie wahrscheinlich ist es, dass Du mit Deinen Kompetenzen die Probezeit nicht bestehst?“ fragte ich.
„Eher unwahrscheinlich“ meinte er. „Ach und den Chef kannte ich auch, mit dem wäre ich gut klar gekommen“.

 

„Welche Risiken gibt es, wenn Du bleibst“? fragte ich ihn. Er dachte etwas länger nach. 

„Also ich könnte längerfristig in einer Aufgabe arbeiten müssen, die mir keinen Spaß macht. Oder die ich gar nicht kann. Ich glaube nicht, dass ich betriebsbedingt entlassen werde…aber wer weiß?“  Er wurde noch nachdenklicher: „Vielleicht hätte ich den Job doch annehmen sollen,was meinst Du?“.

 

Wie hier verkürzt dargestellt, höre ich es auch hin und wieder vergleichbar in Coachings, in denen es um Entscheidungen und berufliche Neuorientierung geht.

 

Woran liegt es, dass wir an Gewohntem oder Vertrautem festhalten, auch wenn Bleiben für uns eher Risiken oder weniger positive Perspektiven hat? 

Wir bleiben in einem Job, der uns keinen Spaß macht oder uns unterfordert, bei einem Chef, der uns nicht wertschätzt und fördert, in einer Beziehung, die uns nicht guttut. 

Die Macht der Gewohnheit ist der härteste Klebstoff der Welt, sagt auch der Managementexperte und Autor Reinhard Sprenger. 

Gewohnheiten haftet an, sich gegen Veränderungen zu wehren. Gewohnheiten und Routinen ermöglichen es

, uns blind auf unser Gefühl zu verlassen. Bereits kleine Veränderungen stören unseren inneren Seismographen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir alles neu lernen müssten, was wir uns über Jahrzehnte angeeignet haben, z.B. Schwimmen, Fahrrad fahren, Autofahren, die Prozesse und Abläufe in unserem Unternehmen usw., dann macht Gewohnheit durchaus Sinn. Gewohnheit ist dann von Nachteil, wenn wir schädliche Verhaltens- oder Denkmuster loslassen, uns aus schädlichen zwischenmenschlichen Verstrickungen lösen oder uns weiter entwickeln wollen. 

 

Wie entstehen Gewohnheiten?

Gewohnheiten erleichtern uns das Leben. Sie entstehen dadurch, dass wir immer wieder auf die gleiche Weise handeln und denken z.B. Zähneputzen, Auto fahren, mit bestimmten Emotionen reagieren. Verhaltensgewohnheiten sind z.T. mit Glaubenssätzen verbunden, die wir in der Kindheit erworben haben und die festlegen, wie wir die Welt, Andere und uns selbst sehen. Sind Gewohnheiten installiert, erfordern sie keine Aufmerksamkeit mehr von uns. Wenn etwas abweicht, dann signalisiert uns dies unser Körper: z.B. auf der falschen Seite einschlafen, morgens keinen Kaffee bekommen, auf der Straße im Rechtsverkehr fahren oder eben statt im Einzelbüro künftig im Open Space sitzen. Gewohnheiten sind breite neuronale Verbindungen gleich Autobahnen in unserem Gehirn, die uns bestimmte Verhaltensweisen und Denkweisen automatisch tun lassen oder nahelegen.

 

Wie gelingt Veränderung im Denken und Handeln

Wollen wir neues Verhalten erlernen, ist es erforderlich, neue neuronale Netze – Verbindungen im Gehirn – zu bilden. Wir müssen neue Denkmuster und Handlungsweisen ausprobieren und immer wieder trainieren, bis die neuronale Verbindung im Gehirn breiter und die neue Verhaltensweise zur neuen Gewohnheit wird.
Das Zürcher Ressourcen Modell ist eine Methodik für Selbstmanagement, Coaching und die Arbeit mit Menschen, um Veränderung als neue Gewohnheit zu etablieren.

Als Prozess läuft Veränderung zusammengefasst wie folgt:

       1.    Zunächst kommt die theoretische Einsicht, dass z.B. die Angst vor dem Fahrstuhl fahren oder in einem neuen Job zu scheitern übertrieben oder irrational ist. Dazu gehört es auch, die Angst zu benennen und auszuhalten.

       2.    Danach folgt das Ausprobieren und die praktische Übung einer neuen Gewohnheit z.B. trotz Angst in den Fahrstuhl zu steigen oder die Risiken des Scheiterns im neuen Job zu benennen und neue Denkmuster und Glaubenssätze zu erarbeiten (ich bin kompetent und werde nicht scheitern, ich schaffe es, ich bin gut genug). 

       3. Beim ersten Ausprobieren erleben Sie den Widerspruch zwischen Kopf und Bauch– Sie haben die Fahrstuhlfahrt überlebt, fühlen sich aber dennoch unwohl. Sie treffen die Entscheidung, den Job zu wechseln, fühlen sich aber dennoch unsicher.
Eine Veränderung gelingt nur, wenn Sie das alte Gefühl ignorieren und das neue Denk- und Verhaltensmuster annehmen.

       4.  Nach häufigerem Tun sind Sie sich der neuen Gedanken noch bewusst ( z.B. durch Priming) , aber Ihre Angst hat deutlich nachgelassen.

       5.  Irgendwann ist das Neue dann als "neue" Gewohnheit etabliert.

 

Unser Gehirn wählt Sicherheit und will die Kontrolle behalten.

Und die Angst vor Neuem, vor Ungewissem und möglichem Scheitern sitzt evolutionsbedingt so tief verankert, dass wir lieber Ausharren als eine Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. 

 

Was kann in ähnlichen Situationen wie der von Tim helfen, eine gute Entscheidung zu treffen?

Ein Coaching oder eine Beratung kann bereits im ersten Schritt bei der Benennung und Bewertung der Risiken und  Chancen einsetzen.  Die Entscheidung trifft Tim allein, nachdem er professionell durch einen Entscheidungsprozess geleitet wurde. Möglicherweise hätte Tim danach die Entscheidung genauso getroffen, hätte die Optionen aber ausgewogener durchdacht. Oder er hätte die Chancen und Risiken anders bewertet und sich für den Jobwechsel entschieden. 

In Phase 2 – 4 kann der Coach Tim (nachdem er die Entscheidung zu einem Wechsel getroffen hat), durch die erste Zeit der Veränderung begleiten und z.B. positive Denk- und Verhaltensmuster trainieren, Tims Ressourcen stärken, die ersten 100 Tage regelmäßig reflektieren und Tim bei der Einarbeitung und Etablierung neuer Gewohnheiten in einem neuen Umfeld unterstützen.

 

Fazit: Wer sich in einer gewohnten beruflichen oder privaten Situation befindet, die nicht mehr passt oder sich nicht mehr richtig anfühlt oder wer eine Veränderung z.B. im beruflichen Kontext nicht selbst herbeigeführt hat und sich ohnmächtig fühlt, ist gut beraten, sich in der Entscheidungsphase und ggf. danach von einem Coach oder Berater begleiten zu lassen: um einerseits nicht in die Gewohnheitsfalle zu tappen und andererseits seine Ressourcen zu entdecken und sich neue Denk- und Verhaltensmuster anzueignen und damit seine Chancen zu realisieren.

 

Kathrin Rehbein Beratung & Training

www.kathrinrehbein.de

 

nächste Termine:

1.2. 2020     Seminar: Selbstmanagement mit dem Zürcher Ressourcen Modell
                    - Gewohnheiten verändern und gute Vorsätze umsetzen - 

14.2.2020    Führungs-Campus / Supervision: Die Führungskraft als Coach
                  
- fachlich / methodischer Input und Fall-Supervision -

28.2.2020    Seminar: Speak Up! Kommunikationstraining für Frauen!
                   
- Kommunikationsmuster reflektieren und verändern -

3.4.2020      Seminar: Change – Kompetenz: sicher führen im Wandel

                    - erfolgreicher Umgang mit Dynamiken und typischen Verhaltensmustern
                      und Emotionen in Veränderungen - 

 

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