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Führung für Profis: Das andere Jahresgespräch

Viele Managementratgeber enthalten wertvolle Informationen zu Vorbereitung Ablauf und Inhalt eines Jahresgespräches.  Diese Inhalte will ich hier nicht in Abrede stellen. Sie sind wichtige Grundlage für die Gesprächsführung.

In den letzten Wochen habe ich viele Beiträge zu diesem Thema gelesen– es ist schließlich "Jahresgesprächszeit". Mein Beitrag soll Impulse für abwechslungsreiche und beziehungsfördernde Gespräche geben. Seit über 20 Jahren führe ich neben vielen täglichen Mitarbeitergesprächen auch Jahresgespräche. Nachstehendes ist insofern ein Auszug aus meinen Erfahrungen und Vorgehensweisen, die ich nicht immer überall bei jedem, aber doch immer mal wieder einsetze:

 

1. Sei emphatisch und wechsele für Deine Vorbereitung mal die Perspektive:
Dein Chef führt auch Jahresgespräche mit Dir. Wie fühlst Du Dich dabei? Was gefällt Dir gut, was lässt Du über Dich ergehen, was gefällt Dir gar nicht? Ist die Rückmeldung an Dich wertschätzend und auf den Punkt? Voller Floskeln oder individuell?  Je nach Ergebnis setzen deinen Gesprächen das um, was Du Dir selber wünscht. Lass weg, was Dich stört.  

2. Menschen sind unterschiedlich – beachten dies im Gespräch und in Deiner Vorbereitung:

Neben der Beachtung unterschiedlicher Persönlichkeitstypen "Introvertiert – Extrovertiert", "Nähe-Distanz", "Dauer – Wechsel",  um nur einige zu nennen, schauen Dir an, wen Du vor Dir hast und fühle Dich ein.  Die Persönlichkeitstypen existieren nie in Reinform, geben Dir aber einen guten Anhaltspunkt und bedenke dabei: Du führst Menschen und keine „Menschentypen“.
Zunächst einmal: beschäftige Dich mit Deinem Mitarbeiter : was ist /er sie für ein Typ, welche Bedürfnisse und  Wünsche hat er /sie? Wenn Du es nicht weißt, stell Fragen!

·    Hör dem Introvertierten einfach mal zu, fall ihm nicht ins Wort.  Frag ihn nach seinen Wünschen und Bedürfnissen. Lass ihn mehr reden als Du selbst sprichst. Nimm ihn wahr und lobe!

·    Fragen den Extrovertierten nach Details seiner Ausführungen und bleib nicht an der Oberfläche. Die Unterhaltung mit ihm ist angenehm, aber werde konkret. Betraue ihn mit einem Thema, in dem er Anerkennung von außen bekommt. Und gib ihm die Anerkennung, die er braucht

·    Vermittele dem Dauer-Typen Sicherheit im Gespräch und für die Zukunft und rück ihm nicht zu dicht auf die Pelle. Bezieh ihn in absehbar geplante Veränderungen vertraulich mit ein – er braucht den zeitlichen Vorlauf, um sich darauf einzustellen, unterstützt Dich dann aber sehr loyal.

·     Sag dem Nähe-Typen, dass Du Vertrauen in ihn setzt und ihn schätzt und bezieh ihn in die Gestaltung der Zusammenarbeit im Team mit ein.  

 

3. Überrasch Deinen Mitarbeiter – wechsele doch mal das Setting:

Warum nicht mal ein Jahresgespräch auf dem Alsterdampfer, im Museum oder im Zoo führen?
Ja richtig, im Zoo.  Gemeinsam vom Leopardengehege zu den Flamingos gehen, bringt andere Gesprächsthemen zutage und fördert Reflexion. Natürlich stelle ich mich nicht vor das Primatengehege und frage „was fällt Dir auf“ – aber mit
etwas Humor kann man auf Grundlage einer guten Beziehung auch eine solche Frage wechselseitig erörtern.

Der andere Rahmen und ein Ortswechsel verändern Gesprächsinhalt – und –atmosphäre und bringen das Gespräch auf ein anderes Beziehungsniveau als im Büro am immer gleichen Besprechungstisch oder vor dem Schreibtisch.

Wem das für den Anfang zu verrückt ist, der unternimmt vielleicht einen gemeinsamen Spaziergang oder spielt eine Runde Golf.

Ein Besuch in einem netten Cafe mit Privatsphäre tut es auch – trau Dich!

Natürlich nicht jedes Mal und in jedem Jahr mit jedem Mitarbeiter, aber ab und an und immer mal etwas Neues. Vermeide es allerdings, schwierige Gespräche generell vor dem Löwengehege und angenehme Gespräche grundsätzlich beim Edelitaliener zu führen – das spräche sich herum und wäre dann keine Überraschung mehr.

 

4. Vermeide einen Gesprächsmarathon
Natürlich ist es für Dich und Deinen Terminkalender effizient, wenn Du 4-6 Gespräche oder mehr am Stück führst. Erledigt. Abgehakt. Wertschätzend?  Nimm Dir nicht  mehr als 1- 2 Gespräche pro Tag vor. Bleiben Sie selbst frisch und motiviert und stellen Sie sich individuell auf Ihren Gesprächspartner ein. Das Ergebnis wird es Ihnen danken.

  

5. Führen Sie Qualitäts- statt Standard-Gespräche
Jeder Mitarbeiter ist individuell und jedes Gespräch sollte es auch sein. Natürlich sind Führungskräfte gebunden an die unternehmensinternen Protokollarien und Formulare wie Beurteilung oder Zielbewertung.  Letztlich sind das aber zusammenfassende Ergebnisse einer gemeinsamen Betrachtung des Jahres oder der Leistungen und Wünsche Ihres Mitarbeiters und Ihres Feedbacks an ihn. Das Schriftliche sollte erst zum Schluss des Gespräches möglichst das dokumentieren,  was zuvor besprochen wurde.

6. Gib Dir Mühe bei der jährlichen Beurteilung
Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass Beurteilungen so individuell wie möglich formuliert werden und der Mitarbeiter in seiner Einzigartigkeit durch Formulierungen gewürdigt wird. Aber wir kennen sie alle, die Beurteilungen mit den Standardformulierungen oder ohne Begründungen, in welcher sich die Beurteilungsnoten um den Median winden.

Dokumentieren Sie bei den guten Mitarbeitern, dass sie gut sind und haben Sie keine Sorge vor internem Wettbewerb – ein guter Mitarbeiter verlässt im Zweifel irgendwann das Unternehmen, wenn er sich nicht gesehen fühlt. Wollen Sie das? Dokumentieren Sie auch Leistungen, mit denen Sie nicht zufrieden sind – ebenso klar und eindeutig mit einer Begründung. Und auch bei den Mitarbeitern, die sich im Mittelfeld bewegen (im Sprachgebrauch: der richtige Mitarbeiter am richtigen Platz ) gibt es einzigartige Themen und Talente, die herausragen. Dokumentieren Sie diese individuell.

 

7. Der Pinguin in der Wüste

Natürlich gibt es Gespräche, die für Mitarbeiter und Führungskräfte im Ergebnis nicht wie gewünscht verlaufen. Bleiben Sie klar in der Aussage und begründen Sie, warum Sie mit der Leistung in konkreten Aspekten nicht zufrieden sind und was Ihr Mitarbeiter besser machen kann. Wenn Sie einen Pinguin in der Wüste vor sich haben, sprechen Sie dies an und überlegen gemeinsam, welches die richtige Aufgabe ist. Nur weil ihr introvertierter, analytisch starker Mitarbeiter am Kunden möglicherweise nicht richtig eingesetzt ist, macht dies aus ihm noch keinen schlechten Menschen. Im Gegenteil: Bleib wertschätzend und respektvoll und überlegt gemeinsam, wo das richtige Umfeld für Deinen Pinguin zu finden ist.

Auch ein schwieriges und festgefahrenes Gespräch kann in einer ungewohnten Umgebung neue Impulse und neue Einsichten für beide Seiten bringen – welchen Ort ich wähle, hängt natürlich von den Gesamtumständen ab.

 

8. Und last but not least – frage und hol Dir Feedback

 Ein Jahresgespräch sollte aus vielen Fragen bestehen und kein Monologisieren sein. Frag 

  • nach Wünschen und Zielen 
  • was Deinem Mitarbeiter wichtig ist
  • wie die Zusammenarbeit mit den Kollegen erlebt wird
  • wie Dein Mitarbeiter Eure gegenseitige Beziehung und Zusammenarbeit wahrnimmt  
  • was Dein Mitarbeiter am Arbeitsplatz braucht, um weiter gute Leistungen zu bringen
  • nach Ideen und Impulsen für die Arbeit im Team
  • nach neuen Ideen 

Gespräche sind für die Führungskraft nie lästige Pflicht sondern immer eine Chance . Nutze sie.

     Viel Spaß bei den anstehenden Jahresgesprächen. Und wenn Du individuelle Gesprächsführung mit unterschiedlichen Menschentypen lernen willst, sprich mich an.

     Termine für offene Seminare in 2020 und 2021 findest Du hier.

 

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