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Gehen oder Bleiben?


Zeitlich taucht diese Frage nie häufiger auf, als rund um den Jahreswechsel oder zu Beginn eines neuen Jahres.
Warum ist das so?

In der Regel halten wir einen Moment inne und blicken wir auf das vergangene Jahr zurück. Wir stellen eine Positiv/Negativ-Bilanz auf und ursprüngliche Wünsche und Ziele werden uns bewusster, als wenn wir mitten im "Swing" sind.
 

Aus der Karriereberatung und aus dem Coaching von Menschen in beruflicher Neuorientierung und Veränderung weiß ich, dass jede Situation individuell zu betrachten ist und es sehr persönliche oder im eigenen System liegende Ursachen geben kann, warum ein Wechsel oder ein Bleiben zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung ist.

 

Es gibt dennoch ein paar Fragen, die uns dabei helfen können, eine Entscheidung zu treffen oder den passenden Moment für einen Absprung zu finden: 

 

1.    Was versprechen Sie sich von einem Jobwechsel?

Was stört Sie konkret? Lässt sich das Störende ggf. in der jetzigen Aufgabe / beim jetzigen Unternehmen abstellen oder verändern? 
Welche Verbesserungen erwarten Sie in einer neuen Aufgabe oder bei einem neuen Arbeitgeber?
Lassen sich diese Verbesserungen auch bei Ihrem jetzigen Arbeitgeber erreichen?
Welche nächsten Schritte sind dafür erforderlich?
Wenn Sie unzufrieden mit Ihrer Führungskraft sind, was hat das möglicherweise mit Ihnen zu tun?
Haben Sie das Gefühl, nicht richtig gesehen zu werden? Fühlen Sie sich häufig zu unrecht kritisiert? 
Welche Parallelen gibt es evtl. zu Situationen in Ihrem Privatleben, in denen Sie ähnlich fühlen?
Besteht die Möglichkeit, innerhalb Ihres Unternehmens zu einer anderen Führungskraft zu wechseln,
die besser zu Ihrer Persönlichkeit passt?
Worin besteht für Sie der Reiz des Neuen? Worin wollen Sie sich genau weiter entwickeln?
Evtl. können Sie in Ihrem jetzigen Unternehmen die Verantwortung für ein wichtiges Projekt übernehmen.
Sind Sie unzufrieden mit Ihrem Gehalt?  Recherchieren Sie vor einer Kündigung genau, wie der Gehaltskorridor
für die angestrebte Aufgabe in anderen Unternehmen ist. Beziehen Sie auch Nebenleistungen mit ein.
Sie wollen sich weiter entwickeln und Neues lernen. Das ist ein nachvollziehbarer Grund.
Bedenken Sie dabei, dass Neues sich nicht nebenbei lernt. dafür sind Zeit und Energie erforderlich.
In Ihrem aktuellen Unternehmen ist eine Beförderung aufgrund der Altersstruktur der Führungsmannschaft schwierig? Wie sieht dies in Ihrem Ziel-Unternehmen aus?

In Ihrem Unternehmen oder von Ihrem Vorgesetzten werden Sie als Frau nicht adäquat gefördert?
Dann suchen Sie sich ein Unternehmen, das für Diversity steht und recherchieren Sie
dies unbedingt vorher.

2.    Welche persönlichen Ziele haben Sie sich beruflich gesetzt?

          Wer weiß, wo er hinwill, tut sich bei einer Neuorientierung leichter.
          Aber auch, wer das noch nicht so genau weiß, kann dies mit Selbstreflexion und in einem Karrierecoaching
          herausfinden. 
          Wie soll sich Ihre Karriere nach einer Kündigung entwickeln? 

                Welche Ziele haben Sie sich mittel- und langfristig gesetzt?  
          Wollen Sie sich in eine Führungsaufgabe entwickeln oder sehen Sie sich perspektivisch eher in einer
          Experten- Laufbahn? Welche nächsten Schritte sind zur Zielerreichung sinnvoll?
          Wollen Sie die gleiche oder eine ähnliche Tätigkeit bei einem neuen Arbeitgeber ausüben?
         ( wenn die Antwort ja ist, kehren Sie nochmal zurück zu Frage 1): womit sind Sie konkret nicht zufrieden?

3.    Welche Qualifikationen brauchen Sie in der neuen Aufgabe?

         Gerade wenn Sie eine andere Tätigkeit ausüben oder die Branche wechseln wollen,  kann es sinnvoll sein,
         sich durch parallel erworbene Qualifikationen bereits in der jetzigen Funktion darauf vorzubereiten.
         Haben Sie Zeit und Energie dazu?
         Welche Netzwerkkontakte können Sie jetzt konkret aufbauen, um Ihr Ziel zu erreichen?

4.    Haben Sie aktuell den Kopf frei, diese Entscheidung zu treffen?

         Ein Jobwechsel oder eine Kündigung sollten nicht spontan und aus Emotionen heraus getroffen, sondern  
         geplant werden. Dazu gehört es, Zeit einzukalkulieren, um sich darüber klar zu werden, was genau Sie wollen
         und ggf. eine Bewerbungsstrategie allein oder mit einem Karrierecoach festzulegen. 
         Wenn Sie beruflich und privat aktuell sehr unter Druck sind und schwierige Themen zu lösen haben, treffen Sie
         die Entscheidung nicht jetzt oder innerhalb von wenigen Tagen.
         Nehmen Sie sich genau für diese Fragestellung „Gehen oder Bleiben“ eine Woche Urlaub oder ein verlängertes  
         Wochenende und „me-time“ allein

5.    Sind Sie wirklich JETZT zur Veränderung bereit?

         Ein Jobwechsel ist nicht nur mit vielen Chancen verbunden, sondern auch damit, alte Gewohnheiten
         aufzugeben und sich in neue Gegebenheiten einzuarbeiten. Ein neuer Arbeitsort, ein längerer oder kürzerer
         Arbeitsweg, neue Kollegen, ein neues Netzwerk und Qualifikationen aufbauen und neue Arbeitsinhalte lernen.
         Das kostet Zeit und Energie. Sind Sie dazu aktuell wirklich bereit und in der Lage?
         Da von einem Jobwechsel oft auch andere Lebensbereiche und das Privatleben betroffen sind, beantworten Sie
         sich die Frage: passt es genau jetzt? 
Wenn Sie z.B. gerade eine Familie gründen und Eltern geworden sind,
         kann 
es sinnvoll sein, einen Wechsel für einen späteren Zeitraum zu planen.      

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               Wenn Sie die vorstehenden Fragen überwiegend mit JA oder NEIN beantworten können, zeichnet sich
         eine Tendenz ab.
 

 

6.    Gehen oder Bleiben – an jeder Entscheidung hängt ein Preisschild.

        In einer Veränderung und im Bleiben liegen jeweils Chancen und Risiken. Ich erlebe im privaten und beruflichen
        Kontext unterschiedliche Strategien, mit einer Entscheidung umzugehen:

        Viele meinen, dass in einem neuen Job alles besser ist: die Bezahlung, die Kollegen, der Chef und die
        Unternehmenskultur. Und sie sind dann nach einem Wechsel überrascht, dass es auch im neuen Unternehmen
        unangenehme Vorgesetzte, Konflikte mit Kollegen, Mehrarbeit oder ungeliebte Routinetätigkeiten gibt. 
        Machen Sie sich vorher klar, dass dies so sein kann und stellen sich darauf ein, dann gibt es nach einigen
        Monaten nicht den großen Frust. 

       Andere lamentieren und beschweren sich fortgesetzt über ihren aktuellen Job und Arbeitgeber.
       Sie befassen sich gedanklich viel mit einem Wechsel und führen auch schon einmal ein Gespräch.
       Wenn es darum geht, ein konkretes Angebot anzunehmen, dann zucken sie zurück und lehnen ab, denn der
       Preis ( Aufwand und Risiko ) erscheint ihnen zu hoch: 
       z.B. der längere Arbeitsweg, das Großraumbüro, die Anstrengung, ein neues Netzwerk aufzubauen, die  
      lästige Probezeit, das evtl. geringere Einkommen, der Aufwand für eine Weiterbildung etc.
      Und sie bleiben lieber an Ort und Stelle. Das kann sehr sinnvoll sein, muss es aber nicht. 
      Nach einer gewissen Zeit geht die Nörgelei dann von vorne los.

           Die Wenn-Dann-Menschen sind nicht zufrieden mit ihrem Job und den Rahmenbedingungen und äußern diese       
     Unzufriedenheit auch durchaus reflektiert. Sie könnten sich objektiv betrachtet aufgrund ihrer Kompetenzen und    
      Persönlichkeit ohne Probleme in eine andere Aufgabe entwickeln. Sie tun es aber nicht.
      Sie lassen sich gern wiederholt beraten und liebäugeln immer wieder mit einem Wechsel.
      Doch sie bleiben.  „Wenn ich die Weiterbildung beendet habe, dann“. „Wenn meine Kinder aufs Gymnasium
      gehen, dann“. „Wenn meine Eltern im Pflegeheim sind, dann“. „Wenn ich bei der Gehaltserhöhung wieder leer
      ausgehe, dann“, usw.  Dahinter stehen möglicherweise ausgeprägte Bequemlichkeit oder negative Glaubenssätze
      und die Angst, es nicht zu schaffen.

D.        Die Nicht-Entscheider spielen auch immer wieder mit dem Gedanken an Veränderung und machen sich selbst  
      etwas vor: sie meinen, sich alles offen halten und jederzeit entscheiden zu können. Damit haben sie aber
      längst eine Entscheidung gegen eine Veränderung getroffen, denn "nicht entscheiden" ist auch
      eine Entscheidung. Bleiben birgt neben der Sicherheit, die in einer Lebenssituation
      sinnvoll sein kann, auch Risiken, an denen ein Preisschild hängt: wenn es meinen Job irgendwann nicht mehr
      gibt, muss ich zwangsläufig in einen anderen Job wechseln. Wenn mein Unternehmen Strukturen verändert,
      kommt für mich möglicherweise eine Veränderung, die ich nicht beeinflussen kann. 

      Fazit

           Alles hat seinen Preis. Überlegen Sie genau, welches Preisschild an Ihrer Entscheidung hängt. Und denken Sie
     dran: Nicht-Entscheiden ist eine Entscheidung - meistens ein implizites NEIN.

           Nehmen Sie sich bei einer wichtigen Entscheidung Zeit für sich allein und reflektieren Sie Ihre Motive und  
     Ihre aktuelle Lebenssituation. Was wollen Sie wirklich? Welche Bedürfnisse haben Sie?
     Der richtige Zeitpunkt ist wichtig. Manche Chancen bieten sich so wunderbar nur ein oder zweimal im
     Leben. Dann gilt es, eine Entscheidung aus vollem Herzen bewusst zu treffen. 

           Wenn Sie sich für Bleiben mit einem deutlichen JA entschieden haben, dann mit aller Konsequenz:
     engagieren Sie sich, suchen Sie nach interessanten Aufgaben, machen Sie Ihre Aufgabe wirklich zu Ihrer
     Herzensangelegenheit. Konzentrieren Sie sich auf Dinge, die Sie positiv verändern können und tun Sie es.

          Wenn Sie sich zum Gehen entschieden haben, dann sagen Sie laut NEIN und springen Sie.
    Überlegt, mit Mut und Freude.

 

      Für professionelle Begleitung bei Ihrer Entscheidung oder einfach mal einer impulsgebenden Reflexion
sprechen Sie mich gern an.

 

      Ihre Kathrin Rehbein 

info@kathrinrehbein.de

Text: Copyright Kathrin Rehbein 

Foto: Pixabay.de

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