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Die Bedeutung der Grundhaltung für Führung und Persönlichkeitsentwicklung

 

Die Transaktionsanalyse geht von vier Lebenspositionen oder Grundhaltungen eines Menschen aus. Diese Haltungen beschreiben, wie er sich selbst, den anderen und auch die Welt sieht. Gemeint ist hier eine grundlegende Akzeptanz oder existenzielle Zustimmung zum eigenen Sein und dem des anderen. 

Dies ist nicht etwa als Schubladendenken oder feste Typisierung zu verstehen. Jeder von uns kann in bestimmten Situationen und Rollen

unterschiedliche Haltungen einnehmen. Wir haben in der Regel jedoch eine bevorzugte Grundposition, in die wir unter Stress unbewusst rutschen und die sich auf unser Verhalten auswirkt.

Gerade für Führungskräfte ist eine Bewusstheit über die eigene Grundhaltung für eine Weiterentwicklung wertvoll.

Menschen mit der Grundposition Ich bin ok / Du bist ok haben ein gesundes Selbstwertgefühl, sind mit sich im reinen, kommunizieren auf Augenhöhe mit dem anderen, den sie ebenfalls als „ok“ ansehen. Sie akzeptieren die Grenzen und Begrenztheit des anderen und des Lebens ohne zu resignieren und bauen ihre Lebensplanung darauf auf. Führungskräfte mit einer ok/ok-Haltung übertragen Verantwortung, haben Vertrauen zu ihren Mitarbeitern und kommunizieren wertschätzend und beziehungsorientiert. Sie entwickeln eine Lernkultur, in der alle zunächst so sein dürfen, wie sie sind. Diese Führungskräfte fördern und fordern ihre Mitarbeitenden und geben Feedback klar und in einer Art und Weise, dass ihr Gegenüber dieses gut annehmen kann. Der bevorzugte Führungsstil ist transformational und partizipativ. Das Grundstreben ist die „Konstruktivität“ im Umgang mit dem Thema, dem anderen und sich selbst.

 

Menschen mit der Grundposition Ich bin ok / Du bist nicht ok gehen in ihrem Inneren davon aus, dass sie selbst in Ordnung sind, mit dem anderen jedoch etwas nicht stimmt. Sie nehmen die Umwelt als eher feindselig wahr, werten den anderen ab, da sie ihn in seinem Sein und Tun nicht für „gleichwertig“ halten.
Sie sind überzeugt, dass sie selbst alles richtig machen und dem anderen überlegen sind. 

Führungskräfte mit dieser Grundhaltung sind eher dominant und zeigen wenig Vertrauen in ihre Mitarbeitenden und ihr Umfeld. Sie treffen Entscheidungen meistens ohne Einbeziehung anderer und übertragen ihren Mitarbeitenden wenig Verantwortung aus der Überzeugung heraus, dass diese es eh nicht so gut können, wie die Führungskraft selbst. Wenn sie doch Verantwortung übertragen, neigen sie dazu, Vorgänge überarbeiten zu lassen und mit einer eigenen "Note" zu versehen. 
Der bevorzugte Führungsstil ist eher autoritär / kontrollierend mit transaktionalen Elementen.
Die Grunddynamik ist auf „Loswerden“ des Problems und des anderen ausgerichtet.
Manchmal verbirgt sich bei Menschen unter dieser nach außen gezeigten Grundhaltung auch die  „Ich bin nicht ok / Du bist ok – Grundhaltung“. Da es aber zu schmerzhaft wäre, dies zu spüren, wurde sie in der Kindheit verdrängt. Bei Persönlichkeiten mit narzisstischer Ausprägung liegt diese Verdrängung meist zugrunde. Das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit wird durch die ok/ nicht-ok-Haltung kompensiert.


Menschen mit der Grundposition Ich bin nicht ok / Du bist ok denken, dass der andere in Ordnung ist, aber mit ihnen selbst etwas nicht stimmt. Sie fühlen sich in ihrer Selbstwahrnehmung klein, unbedeutend, minderwertig und haben kein Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit.  
Sie haben Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und Angst davor, Fehler zu machen und sich zu blamieren. Bei Führungskräften mit dieser Grundposition dauern Entscheidungen eher lange und sie neigen dazu, Vorgänge wieder und wieder überarbeiten zu lassen, aus Angst, falsch entschieden zu haben. Im Umgang mit Mitarbeitenden sind sie
höflich und zurückhaltend und haben oft Schwierigkeiten, Konflikte anzusprechen bzw.
nachhaltig zu lösen.
 Meetings und Arbeit in Gruppen werden eher vermieden. 
Der bevorzugte Führungsstil kann transformationale Elemente haben, wird sich aber eher ins laisser-faire orientieren. Die Grunddynamik ist der "Rückzug" vor dem Problem, dem anderen und dem Außen.

 

Menschen mit der Grundposition Ich bin nicht ok / Du bist nicht ok haben ein negatives Selbstbild und auch ein negatives Bild vom Gegenüber. Sie denken, mit ihnen selbst stimmt etwas nicht, der andere ist aber auch nicht in Ordnung. Dahinter verbirgt sich Verzweiflung und wenig Hoffnung auf eine eigene (positive) Lebensgestaltung. Sie agieren misstrauisch und erwarten in der Regel, das sich ohnehin alles zum Schlechten entwickelt. 
Menschen mit dieser Haltung sollten nicht in einer Führungsaufgabe sein, zuweilen sind sie dort doch anzutreffen. Sie agieren sehr misstrauisch gegenüber ihren Mitarbeitenden, was deren Fähigkeiten aber auch deren Absichten angeht, neigen zu überzogenen Kontrollen und verbreiten eine Atmosphäre des Negativen und der Konflikte um sich herum, da letztere nicht gelöst werden. Die Grunddynamik ist "Stecken-Bleiben", es geht nicht voran.

 

In Stress-Situationen nehmen wir oft automatisch unsere bevorzugte Grundposition ein, denn sie gibt uns Sicherheit und Orientierung, auch wenn unser Verhalten in dieser Situation nicht angemessen oder lösungsorientiert ist. Beispiele hierfür sind Konfliktsituationen, berufliche oder private Neuorientierung, Rollenunsicherheit im beruflichen oder privaten Kontext und alle Situationen, in denen wir uns bedroht fühlen. Als Erwachsene richten wir unser Leben oft so ein, dass wir unsere Grundhaltung immer wieder bestätigen. Und oft merken wir gar nicht, wenn wir uns entsprechend verhalten.

 

Bei der Lektüre dieses Beitrags werden die meisten denken „Klar, ich habe die Grundposition ok/ok“. Wenn das wirklich so ist, dann beglückwünsche ich Sie. Oft ist es jedoch so, dass wir, wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind und uns reflektieren, möglicherweise im beruflichen Kontext doch öfter in der "ok/nicht ok" oder "nicht ok/ok- Haltung" reagieren, als uns lieb ist. Die Grundposition bilden wir nämlich in unserer Kindheit bis zum 7. Lebensjahr aus als Reaktion auf die Einflüsse durch unsere Bezugspersonen (Eltern, Lehrer, Geschwister, Großeltern und andere). 

 

Das Gute ist: Grundpositionen sind durch Persönlichkeitsentwicklung und Selbstbeobachtung veränderbar. Je nach sozialen Rollen (Führungskraft, Mutter, Vater, Tochter, Sohn, Teammitglied etc) können wir verschiedene Grundpositionen einnehmen. Unsere bevorzugte ist jedoch die, die wir in unserer Kindheit eingenommen und ausgebildet haben. Wer die ok/ok-Haltung einnimmt, hat sie nicht für immer. Es kann jedoch geübt und trainiert werden, diese immer bewusster und öfter einzunehmen. Oft ist dazu eine weitergehende Persönlichkeitsentwicklung erforderlich.

 

Für eine erste Reflexion beantworten Sie für sich selbst folgende Fragen* und beziehen Sie diese sowohl auf Ihren privaten als auch den beruflichen Kontext:

  • Gehe ich mit mir selbst und anderen respektvoll um und gestehe anderen ( meinem Partner, meinen Freunden, meinen Kollegen, meinen Mitarbeitenden) gleiche Rechte zu, die ich auch für mich beanspruche?
  • Wie denke ich über mich selbst?
  • Wie denke ich über andere? Was hat das mit mir zu tun?
  • Lasse ich anderen an Vorteilen Anteil haben? Immer? Wenn nein, wann nicht?
  • Bin ich zuweilen geneigt, mir auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen?
    In welchen Situationen ist das so?
  • Ist die Basis für mein tägliches Tun „Ich und Du“, „Erst Ich dann Du“, „Erst Du dann ich“ oder „keiner von uns “?
  • Kann ich menschliche Schwäche bei mir selbst wahrnehmen ohne mich abzuwerten? 
  • Kann ich meine Schwäche auch vor anderen eingestehen? Fällt mir dies leichter im beruflichen oder im privaten Kontext?
  • Kann ich menschliche Schwäche bei anderen wahrnehmen ohne den anderen in
    der konkreten Situation abzuwerten?

Sie wünschen Sparring bei Ihrer Reflektion?
Oder Sie wollen gemeinsam mit Ihrem Team reflektieren, um die Zusammenarbeit weiter zu entwickeln?
Sprechen Sie mich gern an!

 

Ihre Kathrin Rehbein 

info@kathrinrehbein.de.

* Quelle: Fragen in Anlehnung an die Fragen der DGTA

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