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Die inneren Antreiber und das Führungsverhalten

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Die persönliche Haltung zu Menschen und damit auch der individuelle Führungsstil werden durch unterschiedliche Erfahrungen und Faktoren geprägt. Das können z.B. Erfahrungen in der Familie sowie mit Vorbildern z.B. eigenen Vorgesetzten sein „Meine Chefin ist mein Vorbild, sie vertraut mir und schafft motivierende Rahmenbedingungen“ oder „So wie der X mit seiner Detailverliebtheit will ich nie werden und das mache ich anders“.

Darüber hinaus fördert die jeweilige Unternehmenskultur den expliziten (und meist impliziten) Rahmen für das, was als erfolgreiches Führungsverhalten gesehen wird und damit gewollt ist: der durchsetzungsfähige dominante (oft männliche) Entscheider oder der empathische, viel Freiraum lassende Entwickler, um nur zwei zu nennen. Wer in der jeweiligen Kultur bestehen will, muss bestimmte Eigenschaften zeigen und sich konform verhalten, um als erfolgreich positiv sanktioniert zu werden und dazuzugehören. 

 

Es gibt unterschiedliche Persönlichkeitsmodelle und Konzepte, die es sich lohnt anzusehen, um sein eigenes Verhalten zu verstehen und im Sinne von Positive Leadership weiterentwickeln zu können.

Das Riemann – Thomann-Modell ist z.B. ein Beziehungsmodell, das zu den vier Ausprägungen Wechsel und Dauer sowie Nähe und Distanz Aufschluss über die eigenen Präferenzen gibt.

 

Die Transaktionsanalyse bietet neben vielen Konzepten z.B. mit dem Konzept der Antreiber eine gute Möglichkeit, sein Führungsverhalten zu reflektieren: 

 

·       Wie reagiere ich unter Belastung und in schwierigen Situationen? 

·       Welche Automatismen gibt es und was passiert mir immer wieder?

·       Wie wirkt sich dies darauf aus, wie ich wahrgenommen werde? 

·       Wie beeinflusst dieses Verhalten mein Team und meinen Führungsstil? 

·       Aber auch: welche Stärken und Ressourcen kann ich bewusst aus meinem Antreiber-Verhalten ableiten und woran möchte ich arbeiten.

 

Der amerikanische Psychologe und Kommunikationsberater Taibi Kahler entwickelte 

- inspiriert durch den Begründer der Transaktionsanalyse Eric Berne - die 5 Antreiber, von denen ein oder mehrere in jedem Menschen angelegt sind. Sie wurden in der Kindheit durch ein Zusammenwirken meist elterlicher und familiärer Einflüsse entwickelt.

Dieses Antreiber-Verhalten ist uns meist nicht bewusst und ist mit spezifischen Verhaltensweisen verbunden, die sich in schwierigen Situationen und unter Stress zeigen und sich auf unsere Problemlösungsstrategien, unsere Kommunikation und unseren Führungsstil auswirken.

  

 Die 5 Antreiber und ihre Auswirkungen auf das Führungsverhalten unter Belastung:

 

Antreiber

Kritischer Kommunikations- und Führungsstil unter Stress 

Beeil Dich!

·       Hohes Redetempo, Gesprächspartner werden häufig unterbrochen

·       Sätze Anderer werden fortgesetzt 

·       Ungeduldig treibt Mitarbeiter an

·       Vorschnelles Handelns ohne entsprechende Vorbereitung 

·       Unter-Druck-Setzen von Mitarbeitern

·       Unwirsche Reaktion, wenn vorgegebenes Tempo nicht befolgt wird 

Sei Perfekt

·       Vorgänge werden immer wieder überarbeitet

·       Entscheidungen werden aufgrund subjektiv unzureichender Informationen häufig verzögert

·       Neigung zur Fehlersuche mit dem Reflex „Hab ich Dich“

·       Führen längerer Monologe

·       Angst, Fehler zu machen

·       Wenig Lob, selten zufrieden mit Mitarbeitern 

Streng Dich an!

·       Überfordert sich und Andere

·       Zugrunde legen eigener hoher Maßstäbe an Mitarbeiter

·       Arbeit und Atmosphäre im Team hat eine Schwere 

·       Was nicht hart erarbeitet ist, zählt nicht

·       druckvolle und kritische Kommunikation

·       wenig Lob, sehr gute Leistung der Mitarbeiter ist scheinbar selbstverständlich

Sei gefällig

·       Kritik wird persönlich genommen 

·       Beziehen von Rückmeldungen und Verhalten anderer auf sich 

·       ständige Sorgen um die eigene Wirkung auf Andere

·       in herausfordernden Situationen werden keine klaren Entscheidungen getroffen, aus Angst unbeliebt zu sein

·       Konflikten wird ausgewichen im Team 

Sei stark

·       die Kommunikation ist eher sachorientiert

·       gibt eigene Fehler ungern zu und will keine Schwäche zeigen

·       Neigung zum Einzelgängertum

·       Dominanz, Andere werden an Entscheidungen zu wenig beteiligt

·       Unnahbarkeit 

·       Fordernde und laute Kommunikation 

 

Quelle: Kathrin Rehbein selbstentwickelt nach Taibi Kahler

 

Aus vorgenannter Darstellung wird bereits deutlich, worin die Entwicklungschancen im jeweiligen Führungsverhalten liegen. Nun treten nicht immer alle Merkmale gleichzeitig auf und die Kombination der eigenen Antreiber und deren Ausprägung, sowie die Bewusstheit für diese haben ebenfalls Einfluss auf das unter Stress gezeigte Führungsverhalten und die damit einhergehenden Automatismen.

 

Die folgende Übersicht dient insofern als Impuls für mögliche Entwicklungsrichtungen im Führungsverhalten und eine Entwicklung hin zu transformationaler Führung und Positive Leadership:

 

Antreiber

Entwicklungschancen im Führungsverhalten

Auswirkungen auf Mitarbeiter und Arbeitsbereich 

Beeil Dich

·       Sich bewusst selbst mehr Zeit nehmen 

·       Andere weniger unter Zeitdruck setzen: Frage: Wie lange brauchen Sie dafür?

·       Andere ausreden lassen

·       Freundlich und zugewandt bleiben, die Beziehungsebene pflegen 

·       Bewusste Rituale /Pausen im Team pflegen:  die gemeinsame Tasse Kaffee geht immer,   auch mal im Stehen

·       Mitarbeiter werden gewürdigt und gesehen 

·       Mitarbeiter arbeiten weniger unter Druck und selbstbestimmter

·       Höhere Arbeitsqualität, weniger Fehler

·       verbesserte Beziehung zur Führungskraft 

·       Mitarbeiter sind zufriedener 

Sei Perfekt

·       Fehlertoleranz entwickeln

·       Entscheidungen nach dem Pareto-Prinzip treffen und dadurch eigene Arbeitsbelastung reduzieren

·       Mut entwickeln, selbst Fehler zu machen

·       Mehr Gelassenheit und Lockerheit entwickeln

·       Dialogische Kommunikation und Loben

·       Mehr Zeit für Führung

·       Mitarbeiter Sind selbstverantwortlich und haben Mut, eigene Entscheidungen zu treffen

·       geringere Arbeitsbelastung

·       Kreativität und Innovation

·       Lob beflügelt 

Streng Dich an

·       Gelassenheit entwickeln

·       Arbeit kann und darf auch Spaß machen

·       Häufiger loben

·       Sich selbst und Andere nicht überfordern

·       Angefangenes zu Ende bringen

·       Selbstfürsorge betreiben und vorleben

·      Kommunikations- und Pausenrituale einlegen

·      Erfolge feiern

 

·       Mitarbeiter entwickeln höheres Selbstbewusstsein 

·       Lob beflügelt

·       Kreativität und Innovation steigen

·       Selbstbewusstsein steigt, da Erfolge gewürdigt werden

·       Höhere Belastbarkeit durch spielerische Herangehensweise

 

Sei gefällig

·       Unabhängigkeit (von der Meinung Anderer) 

·       Kritik weniger oft persönlich nehmen und selbstbewusster agieren

·       Entscheidungen treffen 

·       Konflikte wahrnehmen und ansprechen

·       eigene Position auch zu Konfliktthemen einnehmen und äußern

·       klare Haltung und Kommunikation

·       die Beziehungsebene wird gestärkt

·       Feedbackkultur verbessert bzw. etabliert sich

·       Klare Orientierung

·       Weniger Konflikte im Team

·       Mehr Eigenverantwortung bei den Mitarbeitern

 

Sei stark

·       Nicht alles alleine machen wollen

·       Mitarbeiter in Entscheidungen einbeziehen

·       Unterstützung durch Mitarbeiter zulassen und deren Kompetenzen würdigen

·       Nähe zulassen / entwickeln

·       Beziehungsebene stärken

·       Zusammenhalt im Team wächst

·       Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung steigen

·       Wertschätzungskultur

·       Beziehungskultur

 

Quelle: Kathrin Rehbein selbstentwickelt nach Taibi Kahler

 

Vorgenannte Aufstellung lässt sich vielfältig erweitern. Und es scheint auf den ersten Blick sehr einfach, jemandem mit Streng-Dich-An-Antreiber zu sagen „Sei mal locker“ und Jemandem mit Sei-Perfekt-Antreiber „Nun lass doch mal fünfe gerade sein“. Denn wir haben diese Verhaltensmuster verinnerlicht und sie laufen unter Stress automatisch ab. Durch eine Weiterbildung in Transaktionsanalyse, durch Coaching und Supervision kann die Führungskraft Bewusstheit entwickeln und kleine oder größere Schritte ausprobieren. 

 

Letztlich beinhaltet das jeweilige Antreiber-Verhalten auch Ressourcen, die ich unbedingt erwähnen möchte:

Führungskräfte mit Beeil-Dich-Antreiberliefern schnell meist gute Ergebnisse und sind in der Lage, auch an mehreren Themen gleichzeitig zu arbeiten und viele Bälle in der Luft zu halten. Sie sind sehr leistungsorientiert und verfügen über eine schnelle Auffassungsgabe.

Der Sei-Perfekt-Antreiberbirgt bei Führungskräften ebenfalls eine hohe Leistungsorientierung, die ausgeprägte Gewissenhaftigkeit und gute Planungsqualität mit sich bringt. Auch der Blick für Details, der in einigen Aufgabengebieten essentiell ist, ist eine Ressource.

Führungskräfte mit einem Sei-gefällig-Antreiberverfügen über hohe Empathie und können sich gut in Andere einfühlen. Sie haben ein Gespür für Stimmungen und Dynamiken in einem Team. Sie streben nach Bindung und Anerkennung und schaffen es, wenn sie an ihren Automatismen unter Stress arbeiten und sich Konflikten stellen, eine gute Teamatmosphäre und im Team hohe Identifikation für- und untereinander herzustellen. 

Der Streng Dich An-Antreiberbringt bei Führungskräften die Ressourcen Begeisterungsfähigkeit auch für Neues, hohes Engagement und Kreativität hervor. Dahinter steht letztlich ein hoher Anspruch an die eigene Leistungsbereitschaft und Kompetenz. Wenn Leichtigkeit, Spaß und Selbstfürsorge erlernt und im Wirkungskreis gelebt werden, kann dies ein Team sehr beflügeln und in Richtung Hochleistungsteam ausrichten.

Der Sei stark-Antreiberbeinhaltet bei Führungskräften hohes Durchhaltevermögen und Belastbarkeit, gepaart mit einer konstruktiven Lösungsorientierung. Diese Führungskräfte geben ihrem Team in Krisensituationen gute Orientierung, da sie sich aufgrund ihres Bedürfnisses nach Autonomie und Selbstbestimmung nach einem eigenen inneren Kompass ausrichten und das Selbstbewusstsein haben, diese Richtung einzuschlagen.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass sich aus dem Modell der inneren Antreiber Ressourcen und Entwicklungsrichtungen für Mitarbeiter*innen und Führungskräfte ableiten lassen, die insbesondere in Zeiten des schnellen Wandels und dem Wunsch nach mehr Agilität, Innovation und dem Umgang mit dem VUCA-Umfeld eine Orientierung für Führungskräfteentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung bieten.  Vor Schubladen-Denken warne ich ausdrücklich, denn die einzelnen Ausprägungen und Entwicklungen sind sehr unterschiedlich. 

Für Arbeits- und Projektteams lassen sich Erkenntnisse gewinnen, denn wenn ich z.B. möglichst hohe Qualitätsergebnisse relativ zügig brauche, kann es sinnvoll sein, je nach Thema, die Teams entsprechend zusammenzusetzen.

Nun fallen Menschen und auch Führungskräfte nicht fertig vom Himmel, sondern entwickeln sich. Insofern empfehle ich, sich mit den (eigenen) Potentialen und Ressourcen zu beschäftigen und in Form von Persönlichkeitsentwicklung zu fördern.

 

Sie wollen mehr über das Konzept der Antreiber erfahren oder sich mit Ihren eigenen Antreibern konstruktiv auseinandersetzen und ihre Führungspersönlichkeit entwickeln? 

Dann sprechen Sie mich gern für ein Gespräch, ein Coaching oder eine Fortbildung an.

 

www.kathrinrehbein.de

info@kathrinrehbein.de

 

Einige von mir angebotenen Fortbildungen in 2020 beinhalten neben anderen Inhalten auch Elemente des Antreiber – Konzeptes aus der Perspektive des jeweiligen Seminar-Themas.