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Nähe und Distanz: Das Riemann Thomann-Modell

Jeder Mensch hat unterschiedliche Präferenzen im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Das Wissen um diese Präferenzen ist für Teams und alle, die mit Menschen arbeiten wichtig, denn es lassen sich daraus nicht nur Bedürfnisse und Ängste erkennen, sondern auch wichtige Erkenntnisse für den Umgang mit dem Gegenüber ableiten. 

Doch gehen wir einen Schritt zurück zum Riemann-Thomann-Modell mit seinen vier Grundstrebungen oder Präferenzen.

Grundsätzlich lassen sich nach den Psychologen Riemann (1975) und Thomann (1988) vier gegensätzliche Grundausrichtungen des Menschen beobachten. Alle vier Grundausrichtungen kommen bei jedem Menschen in unterschiedlicher Ausprägung vor. Aber meistens sind zwei oder manchmal nur eine dieser Ausrichtungen maßgebend für das aktuelle Fühlen, Denken und Verhalten.  
Diese Grundausrichtungen haben einen direkten Einfluss auf das Kommunikations- und Beziehungsverhalten. Nachfolgend werden diese Grundausrichtungen in Reinkultur beschrieben

Die Distanz-Präferenz

 

Für Menschen mit einer ausgeprägten Distanzausrichtung ist es wichtig sich abzugrenzen, unverwechselbar zu sein, Freiheit zu haben, die eigene Individualität zu leben, eigenständig zu sein sowie eher rational zu denken und zu handeln („bloß kein Gefühl“). Sie wollen nicht manipuliert oder beeinflusst werden und machen zu, wenn sie dies vermuten.
Distanzmenschen suchen eher Abstand und scheinen erst einmal niemanden zu brauchen.
Sie wirken oft kühl und unnahbar. Die Vernunft und rationale Argumente sind ihnen sehr wichtig.

Erst wenn ihnen in einer Beziehung zu anderen ein hohes Maß an Freiheit und Rückzugsmöglichkeiten gewährt wird, lassen sie sich auf Gefühle und Nähe ein. Sie wollen nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein und wirken dann bindungsängstlich und/oder unbeholfen im emotionalen Kontakt.

Die Nähe-Präferenz

 

Menschen mit hauptsächlich dieser Ausrichtung wollen und brauchen genau das Gegenteil von dem, was Distanzmenschen brauchen:

Sie wünschen Nähe zu anderen Menschen, streben Bindung an, leben bei Zuneigung auf, suchen und schenken Vertrauen, und Sympathie, Geborgenheit und fühlen sich wohl, wenn alles harmonisch verläuft. Sie brauchen Wärme und Bestätigung, sind dabei oft selbstlos, haben soziale Interessen und können sich leicht mit anderen identifizieren. Nähe-Menschen passen sich eher an und vergessen dabei zuweilen sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Sie sind meistens kontaktfähig, teambereit, ausgleichend und verständnisvoll.

Sie neigen allerdings oft zu Abhängigkeit, da sie ungern alleine sind. Sie neigen zuweilen auch zur Opfermentalität und können Aggressionen und Ärger schlecht nach außen artikulieren.

Die Dauer-Präferenz 

 

Für Menschen mit einer Dauerausrichtung sind Werte wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin und, Verantwortung sowie Kontinuität und Regeln von großer Wichtigkeit. Bei starker Ausprägung können sie auf anderer sehr starr, pedantisch und unflexibel wirken und werden gern als Prinzipienreiter angesehen.

Dauermenschen sind dabei sehr verlässlich, gründlich und ordentlich. Sie haben Organisationstalent und hängen ihr Fähnchen nicht nach dem Wind. Sie tun sich allerdings schwer mit Veränderungen und gelten als Bewahrer. 

Die Wechsel-Präferenz

 

Für Menschen mit dieser Grundausrichtung steht alles Neue und Wechselnde im Vordergrund. Sie sind das Gegenteil der so genannten Dauermenschen. Alles, was mit Leidenschaften, Reizen und Phantasie zu tun hat, ist für sie sehr wichtig. Sie suchen Abwechslung und geniessen Kreativität, Spontaneität, Risiko und manchmal Dramatik. Wechsel - Menschen sind neugierig, suchen, lernen und leben gerne.

Sie sind oft unterhaltsam. und kommen leicht mit anderen in Kontakt.

Die andere Seite der Medaille ist, dass Menschen mit dieser Präferenz auch unzuverlässig und chaotisch sein können, zu Theatralik und Egozentrik neigen, geschwätzig und wenig organisiert sein können.


Das Modell ist kein Persönlichkeitsmodell, sondern ein Beziehungsmodell

 

Bevor Sie jetzt anfangen, Ihr Umfeld in Schubladen zu stecken, hören Sie am besten gleich wieder damit auf. Das Riemann- Thomann- Modell ist kein Persönlichkeitsmodell, sondern ein Beziehungsmodell. Dies impliziert, dass Menschen zwar zu einer oder zwei Grundpräferenzen neigen, allerdings in einer anderen Gruppe oder mit einem anderen Gegenüber in eine andere Präferenz rutschen können.

Wenn zum Beispiel zwei Menschen mit Nähe-Präferenz in einer Beziehung aufeinander treffen,
kann sich einer der beiden zu sehr eingeengt fühlen und sich in dieser konkreten Beziehung dann

zur Distanzpräferenz entwickeln, obwohl er eigentlich ein Nähe-Mensch ist.

Insofern dient das Modell sehr gut zur Einschätzung von Bedürfnissen und Beziehungen in einem Team, einer Familie oder einer Gruppe, ist jedoch nicht dazu geeignet, dem Gegenüber einen Stempel aufzudrücken, wie es manche aus meiner Sicht unseriöse Persönlichkeitsmodelle mit sich bringen: "Du bist ein Roter" oder "Du bist ja der totale Distanz-Typ". 

Jeder kennt die oben beschriebenen Bedürfnisse von sich selbst, im zwischenmenschlichen Miteinander werden oft nur ein oder zwei aktiviert und gezeigt, die dann sichtbar und als Unterschiede zwischen Menschen spürbar werden. Ebenso sind damit verschiedene Arten und Weisen verbunden, wie Menschen mit Missstimmungen, Veränderungen oder Krisen umgehen.

Insofern fällt je nach persönlicher Ausgangslage die Richtung der Persönlichkeitsentwicklung für verschiedene Menschen unterschiedlich aus: Was der eine zuwenig hat, hat der andere vielleicht im Übermaß.

Lesen Sie gern meinen zweiten Blogbeitrag im Oktober hierzu:

Was können Führungskräfte daraus ableiten.

Sie wollen wissen, wie Sie selbst ticken oder mit Ihrem Team in einer Teamentwicklung auf dieser Basis arbeiten?  Sprechen Sie mich gern an.

Fotos Pixabay; Riemann-Thomann-Kreuz Kathrin Rehbein